NIEDERSACHSEN
SHIRIN ABEDI
Als ich das vorgegebene Bild zum ersten Mal sah, dachte ich an die hoffnungsvolle Selbstdarstellung Deutschlands, in der meine und vieler anderer Realitäten fehlen. Das Bild ist für mich »zu« positiv, zu einladend, und nicht kritisch mit dem rassistischen, klassistischen, kapitalistischen und patriarchalen Deutschland, das ich kenne. Ich brauchte lange, um diese Strukturen hinter den positiven Parolen zu erkennen. Meine Teilnahme schafft mir den Raum, um über meine Angst vor rassistischer Gewalt in Deutschland zu sprechen, von welcher sehr viele Menschen sowohl in Deutschland als auch an den EU-Außengrenzen betroffen sind.
Fatih Tarhan (27), der Protagonist in diesem Bild, wechselte in der zweiten Klasse auf eine neue Grundschule. Alle anderen Klassen waren voll, sodass Fatih in die Klasse der Schuldirektorin kam. Fatih sagt, es war eine sehr elitäre Klasse mit nur weißen Kindern. Am ersten Schultag in der neuen Klasse fragte ein Kind ihn, ob er »der Neue« sei, Fatih bejahte. Daraufhin kamen alle Kinder dazu, zeigten auf ihn und riefen »ihhh«. Fatih wusste in dem Moment, dass diese Schulzeit nicht einfach werden würde. Er erlebte die nächsten Jahre Mobbing von Mitschüler:innen, die Deckung dieser Kinder durch Eltern, Diskriminierung bei der Notenvergabe und eine falsche Empfehlung für die weiterführende Schule, trotz sehr guter Noten. Heute promoviert Fatih in islamischer Kunstgeschichte an der Princeton University. Er ist Imam und lebt in Berlin und den USA.
Fatih Tarhan öffnet den Horizont jede:r Person, die ihm begegnet. Er spricht in Bildern und dringt mit seinem Blick, seinem Interesse am Menschen und seinen Fragen in die Tiefe ihrer Herzen ein.

